Leon de Bruijne - MODUS: 14.12.2019 - 23.02.2020


LEON DE BRUIJNE – MODUS

14.12.2019 – 23.02.2020

Öffnungszeiten
Dienstag – Sonntag & feiertags 11 – 18 Uhr
 
Mit MODUS richtet der Kasseler Kunstverein die erste institutionelle Einzelausstellung des niederländischen Künstlers Leon de Bruijne in Deutschland aus. Zum ersten Mal sind mehrere seiner großformatigen Installationen zusammen in einer Ausstellung zu sehen und ermöglichen dem Publikum einen Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers.
 

MODUS
Alles ist in Bewegung. Und alles sollte sich bewegen. Schnell oder langsam. Ob mit Dramatik, Ernst oder Humor. In „Modus“ ziehen die kinetischen Installationen des Künstlers Leon de Bruijne durch ihre Bewegung die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Ob es sich um einen fliegenden Weihnachtsbaum (Kerstboomkanon, 2017), langsam geschliffene Stühle (Quick Sand, 2015) oder in Kreisel verwandelte Straßenlaternen (Dutch Delight, 2019) handelt, wir warten auf diese Bewegung in de Bruijnes Arbeiten. Der langsame und absurde Vandalismus seiner Arbeiten schafft eine poetische Atmosphäre, in der das Publikum eine Verbindung zwischen Kunst, Technologie und Alltagsgegenständen findet.

Zur Ausstellung erscheint eine Edition.

Leon de Bruijne (*1992), lebt und arbeitet in Amsterdam

http://leondebruijne.nl/

Die Ausstellung wird gefördert von
Kulturamt der Stadt Kassel
Mondriaan Fund
Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst
Botschaft des Königsreichs der Niederlande
Gerhard-Fieseler-Stiftung
AMBION GmbH
Kassel Marketing

 

Who wants to be Cinderella if you can be an ugly step sister?

Wer will Aschenputtel sein, wenn man eine hässliche Stiefschwester sein kann?

Rollladen, Penny-in-the-Slot-Maschine, Stahlbau. Stahlkanone, Bäume. Kunststoffstühle, Frischhaltefolie, Drehplattform, Stahlkonstruktion, roter Knopf. Elektromotor, Müllschlucker, Ziegel, Stahlbau. Elektromotor, Pneumatikzylinder, Fliesen, Reifen, Elektronik, Stahlbau, roter Knopf. Fächer, zwei Tafeln. Wagen. Förderband, Schleifpapier, Holzstühle. Straßenlaternen, Stuhl, Stiefel, Bohrmaschine. 

Was wie die Inventur einer Garage klingen mag, ist eine Auflistung alltäglicher Produkte und Werkzeuge des niederländischen Künstlers Leon de Bruijne (1992). Als Absolvent der Abteilung für Bildende Kunst an der Royal Academy of Fine Arts (KASK) in Gent ist er vor allem ein Erfinder, der sich seit seiner frühen Kindheit auf Trial-and-Error-Prozesse konzentriert. In der Ausstellung Modus des Kasseler Kunstvereins sind verschiedene mechanisierte Skulpturen zu sehen, die der Künstler in den letzten sechs Jahren entwickelt hat. Jede Skulptur spielt mit der Form und der Bedeutung bekannter Gegenstände des westlichen Alltags und wirkt aufgrund ihrer kinetischen Natur hypnotisierend. 

Der Künstler folgt in gewisser Weise seinem ehemaligen Tutor, der Unterhaltung zwar nicht für eine angemessene Beschreibung von Kunstwerken hält, wohl aber der Ansicht ist, dass sich hinter einer verführerischen Show verrückter Maschinen auf den zweiten Blick autonome Kunstwerke zu erkennen geben können. De Bruijne verwandelt die Besucher in passive Zuschauer. Jede Skulptur in der Ausstellung bietet eine andere Form von Genuss. Auch und gerade weil sie etwas offen und unbefriedigt lassen, machen sie süchtig. Sie spielen mit unserer Phantasie, während wir uns der Reise des Helden anschließen (ein westliches Warenzentrum, das in jeder Skulptur inszeniert wird) und am Ende in einem Zustand des ständigen Überschreitens von Schwellen verharren und selten den Genuss des Glücklichen erreichen.

Die Skulpturen werden aufgrund ihrer ikonischen Formen und Farben als cartoonartige Silhouetten wahrgenommen, der Ausstellungsraum wirkt unordentlich für einen White Cube. Maschinenskulpturen sind auf drei Räume des deutschen Ausstellungsortes verstreut, die Schau ist wie eine Baustelle, die einfach nicht zur endgültigen Fertigstellung kommen will, oder wie eine Papiercollage, die ihren Klebstoff für immer feucht halten will. Die Arrangements lassen uns wundern, ob der Ausstellungsaufbau noch im Gange ist und ob die Arbeiten überhaupt fertig sind? Modus verführt uns dazu, unsere Social Media Streams mit Videos der Hinterbühnen und fehlgeschlagenen Versuche zu füttern. Es werden immer wieder Fragen und Gespräche darüber geführt, was einen Laien von einem Profi unterscheidet oder wo der Techniker endet und der Künstler beginnt? 

Die menschliche Faszination für die Mechanik ergibt sich aus unserer Sehnsucht nach einer optimalen Produktion. Idealem Verhalten. Wir bemerken kaum die häusliche Gewalt zwischen dem elektrischen Strom und der Verkabelung, die in einer Box an unseren Wänden stattfindet. Ist der Finger oder der Lichtschalter für die Beleuchtung eines Raumes zuständig? De Bruijne instrumentalisiert diese Art von banalem Humor und poetischer Gewalt, die beide eine transgressive Natur haben: Wir lachen, um zu überwinden, wir kämpfen, um zu überwinden. Im Mittelpunkt stehen diese Emotionen, die durch den institutionellen Kontext, in dem sie existieren, noch deutlicher werden; der Ausstellungsraum während der Winterferienzeit, der sich um das Knüpfen und Auflösen persönlicher Beziehungen dreht. Die Suche des Künstlers nach neuen Wegen der Dramatisierung des Alltäglichen lässt uns die Skulpturen und Performances als technische und ästhetische Figuren wahrnehmen. Zwischen den Polen des Gewöhnlichen und des Märchenhaften bewegt, werden seine Werke gleichsam gefoltert, hin- und hergezogen zwischen dem Gefühl, sich an einem Tag wie ein Küchengerät oder ein scheinbar zufälliges Produkt zu fühlen, und wie eine Skulptur am nächsten Tag. 


Jules van den Langenberg, 13. Dezember 2019

Dieser Text basiert auf verschiedenen Gesprächen mit dem Künstler Leon de Bruijne und einem Besuch der Ausstellung Modus im Kasseler Kunstverein mit Studierenden der Kunsthochschule Kassel.