Simone Westerwinter - Björns
Rache
23. Januar bis 7. März
1999
Gleich zu Beginn der Ausstellung
schimpft ein großer blauer Schriftzug 'Verdammte Drecksau'.
Die zwei Worte sind seitenverkehrt in Silikonhaut eingelassen. Simone
Westerwinter hat den gesamten Fußboden der großen Halle
des Kunstvereins abgenommen, den so entstandenen Silikonlappen umgedreht
und dann wieder ausgelegt. So passt er natürlich nicht mehr.
Die Abformung wird selbst zur Skulptur, zum Original als Negativ.
Simone Westerwinter (geboren 1960) und ihr Team haben außerdem
mit dem Schauspieler Björn Koschmieder aus Berlin eine charmante
Kunstfigur erschaffen, eine lebendige Skulptur, die den Ausstellungsbesucher
in Gespräche verwickelt und den Aufenthalt versüßen
soll- ein dialogisches Verwirrspiel von enttäuschten Erwartungen
und verwunderten Antworten, die umgarnen und das eigene Involviertsein
spüren lassen. Denn Björns Äußerungen sind
Sätze aus Theater, Literatur und den Werbebroschüren der
Sponsoren entliehen, seine Bräune erhält er von dem im
Ausstellungsraum installierten Solarium- nichts scheint echt an
ihm und doch ist er tatsächlich und real. „Wir sind immer
schon involviert", sagt die Künstlerin und Bestandteil
dessen, „was wir uns aneignen“. Sie macht uns zum „Silikonlappen
zur Herstellung von möglicherweise verdammte Drecksau",
wie sie die Serie von Abformungen nennt und wandelt uns zu semiotischen
Material für ihre Formulierungen. Dieser Umgang mit einem Material,
das sich selbst verleugnet, zeigt, wie sehr Simone Westerwinter
die Verfahrens- und Denkweisen der Bildhauerei ihrer Arbeit zugrunde
legt. Das gilt für den Umgang mit ihrem Team, das mit ihr die
Projekte realisiert, ebenso, wie für die von ihr zur Vernissage
eingeladene Polizei, die mit einer Hundertschaft uniformierter Kollegen
freiwillig Wache schiebt. Sie wirft als negativ-positiv-Abformung
der örtlichen Gegebenheiten und Institutionen eine ganz neue
Frage nach musealem Raum und nach einer Neuformulierung der Bildhauerei
auf, über die man hier im wahrsten Sinne des Wortes stolpern
kann.
Rolf Ricke - Special Offer
14. März bis 11.
April 1999
Ingrid Calame / Dominique Figarella / Urs Frei / Pia Fries /
Herbert Hamak / Mary Heilmann / Fabian Marcaccio /
Ingo Meller / Olivier Mosset / Carl Ostendarp /
Steven Parrino / David Reed / Adrian Schiess /
Jessica Stockholder / Günter Umberg /
Elisabeth Vary / Andy Warhol / Rémy Zaugg
Rolf Ricke begann in den
frühen 60er Jahren seine Galerietätigkeit in Kassel mit
frühen Ausstellungen von u.a. Andy Warhol und Mel Ramos. Hiermit
erwarb er sich zunächst den Ruf als "Pop-Art-Galerist".
Zeitgleich mit dem zweiten Kölner Kunstmarkt ging die Galerie
Ricke drei Jahre später in die sich gerade konstituierende
Kunstmetropole Köln. Nun kehrt nach mehr als 30 Jahren der
inzwischen außerordentlich renommierte und immer noch antizyklisch
arbeitende Galerist auf Einladung des Kunstvereins zurück,
um einmal in die Rolle des Kurators zu schlüpfen und vom Galerieprogramm
Ricke unabhängig seine Sicht vorzustellen.
Ricke beschäftigt sich mit dem häufig beschworenen "Ende
der Malerei": Lebendige Malerei in all ihren neuen und alten
Spielformen ist das Thema. So überrascht Rolf Ricke damals
wie heute mit einem Konzept abseits des Trends: Der Titel "special
offer" ist als Hommage an Andy Warhol zu verstehen. Den Ausgangspunkt
für heutige Wagnisse neuer Malereikonzepte bilden zwei großformatige
spätere Arbeiten dieses inzwischen kunstgeschichtlich legitimierten
Großmeisters der Moderne. In der Ausstellung entwickelt sich
ein Dialog zwischen Arbeiten bereits etablierter Künstler und
den noch zu entdeckenden.
Franz Ackermann - OFF
24. April bis 27. Juni
1999
Franz Ackermann (geboren
1963) bereist für seine Kunst die Welt. Er besucht den Pazifik,
Süd- und Nordamerika, durchreist Europa und Asien. Dabei entstehen
Arbeiten auf Papier, die wie ein Tagebuch Erinnerungen an den Rhythmus
und die Stimmung der jeweiligen Orte aufzeichnen. Zuhause, in seinem
Berliner Atelier, werden aus diesen Skizzen großformatige
Bilder. In der Transformation entstehen komplexe malerische Diskussionen
über die sich überlagernden Aspekte des erlebten und untersuchten
Ortes. Allerdings - darin ist Franz Ackermann ein typischer Vertreter
der Künstlergeneration der 90er Jahre - verweigern die Bilder
in ihrer grellen Farbigkeit, den ständigen Perspektivwechseln,
der wüsten Mixtur von kartographischen Partien, naiv abgebildeten
Architekturfragmenten und wie in Vexierspiegeln explodierenden Blütenornamenten
jede ordnende Übersicht. Franz Ackermann erweitert diese Arbeiten
im Ausstellungsraum, indem er sie an der Wand fortsetzt, durch Fotografien
und Objekte, Texte und Slogans ergänzt, so dass ein Diskussions-
und Erlebnisraum entsteht, in dem sich der Betrachter bewegt wie
in einem Messeinformationsstand. Ackermann wird seine Kasseler Ausstellung
zu großen Teilen erst vor Ort entstehen lassen. Der Kunstverein
wird zu seinem Atelier. Der umfassenden Installation gibt er den
Titel 'Off'. Dieser Begriff aus der Filmsprache meint die Informationen
(Texte, Geräusche, Musik), die über ein Bild gelegt werden,
ohne in diesem selbst sichtbar verursacht worden zu sein. Und so
hat der Hurrikan 'Mitch', ein Motiv der Kasseler Installation, die
Traumlandschaften des Pazifik verwandelt und gezeigt, wie aus dem
fröhlich ausgelassenen Tourismus schnell ein Terrorismus für
die dort lebenden Menschen, deren Kultur und Landschaft werden kann.
Roland Geissel
24. April bis 27. Juni
1999
Roland Geissel (geboren
1965) lebt und arbeitet in Berlin und ist eher ein stiller Künstler,
der sich nicht auf 'die Welt', sondern auf das Material und die
Form der Kunst bezieht. In seinem Atelier erforscht er Maltechniken,
entwickelt neue oder entdeckt alte, fast vergessene für sich
neu.
Ausgangspunkt der im Kasseler Kunstverein gezeigten Werkreihe Melusine
bilden Objekte aus Vollholzblöcken, die in drei Schichten –
Ölfarbe/Wachs/Ölfarbe – mit der schon in der Antike
bekannten Enkaustik-Technik bearbeitet sind. Über die Komposition
von Farbflächen in einem Raster entsteht ein Spannungsfeld
zwischen malerischem Farbklang auf der Oberfläche und dessen
räumlicher Wirkung auf dem dreidimensionalen Träger. Eine
zweite Werkgruppe sind großformatige Arbeiten aus aufgespannten
Kohlesäcken, die ebenfalls mit Öl und Wachs bearbeitet
wurden. Beide Werkgruppen konfrontiert Roland Geissel mit Zeichnungen,
die mit aufmerksamem Blick Details seiner Umgebung reflektieren.
WIE+MACHT+KUNST: Vier Ausstellungen -
Vier Sommer Nächte
1. bis 4. Juli 1999
Yana Milev / Thomas Bayrle /
Michael Vorfeld und Martin Spangenberg /
Vollrad Kutscher und Susanne Bosch /
Sandra Schäfer / Tae-Jun Kim
Während dieses 4-tägigen
Veranstaltungszyklus wird jeden Morgen um 10 Uhr eine Ausstellung
eröffnet und mit einer Abendveranstaltung mit den Künstlern
bis 24 Uhr begleitet. Wie ein roter Faden ziehen sich Fragen durch
das Veranstaltungsprogramm: Wie macht der Künstler die Kunst,
was ist ihre gedankliche Struktur und ihre spezifische Wahrnehmung?
Und was macht sie mit der Macht, die ihr daraus entsteht?
Yana Milev: Resonanzarchitektur - über den distanzlosen Zwischenraum
Pinboard-Installation, Vortrags-Performance.
Thomas Bayrle: Animation - Film und Videoanimationen.
Holger Kube Ventura: „Die Beantwortung der Frage: Was ist
politische Kunst'?"
Michael Vorfeld/Martin
Speicher: Euler Variationen - Musik und Licht Performance.
Vollrad Kutscher / Susanne Bosch: Stammhaus der Gesellschaft zur
Verwertung und Erhaltung der Idee des Pfennigs & Restpfennigaktion.
Multimedia-Installation. Gespräch über die große
KonFusion der G.V.E.I.P. und R.Pf.A.. Ersatz-Roulette-Nacht mit
der Gesellschaft zur Verwertung und Erhaltung der Idee des Pfennigs.
Die Besucher sind eingeladen, an einem originalen Roulette-Tisch
mitzuspielen. Einsatz in Pfennigen.
Falster Versuchsgelände
4. September bis 31. Oktober
1999
Bittermann & Duka (Berlin) / Mark Dion (New York) /
Anna Gudjónsdóttir (Hamburg) / Florian Hüttner
(Hamburg) /
Till Krause (Hamburg) / Dan Petermann (Chicago)
Diese Gruppenausstellung
ist die parallele Station eines Ausstellungskonzeptes, das in Kooperation
mit dem Museum Ferner Gegenden e.V. und der Galerie für Landschaftskunst
(Hamburg) realisiert wird. Auf der süddänischen Insel
Falster befindet sich ein privater Park, in dem die beteiligten
KünstlerInnen zukünftig unterschiedliche Projekte realisieren
werden. Diesem Projekt gaben die KünstlerInnen den Namen „Falster
Versuchsgelände". Im Kasseler Kunstverein ist vorab eine
Ausstellung mit gleichem Titel zu sehen, in der die KünstlerInnen
ihre Forschungen und Projektassoziationen in Form unterschiedlicher
Modelle und konzeptioneller Elemente zu einem Parcours zusammenstellen.
In der laborhaften Atmosphäre des Kasseler Kunstvereins werden
verschiedene Perspektiven zum Thema 'natürliche Künstlichkeit'
und 'künstliche Natur' simuliert und reflektiert.
MONITORING
17. bis 21. November 2000
Christina Clar / Mia Best & Allan Dorr / Fleiter /
Wiebke Grösch & Frank Metzger / Hysteria inc. / Sven Kalden
/ Dagmar Keller & Martin Wittwer / Aurelia Mihai / Ricarda Wallhäuser
/ Uli Wilkes
'MONITORING' ist eine
eine Ausstellung mit Video- u. Medieninstallationen im Rahmen des
16. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofestes in Zusammenarbeit mit
dem Filmladen e. V. In diesem Jahr sind junge Künstlerinnen
und Künstler zu 'MONITORING' eingeladen, die interessante Raumkonzepte
in ihren Videoarbeiten und Videoinstallationen vorstellen.
Adolf Buchleiter - Zwischen und göttlicher und menschlicher
Komödie
4. Dezember 1999 bis 16.
Januar 2000
Der Kasseler Kunstverein zeigt zum Jahrtausendwechsel
die kongenialen Bilder zu Dantes gewaltigen Epos 'Göttlicher
Komödie'. Auf Formaten, die die üblichen Dimensionen von
Zeichnungen weit hinter sich lassen, bevölkert Buchleiter die
trichterförmige Hölle mit Ihrem Bestiarium und dem vielhundertfachköpfigen
Personal der Sünder. Der Kasseler Kunstverein ehrt den 1929
geborenen universellen Künstler und einflussreichen Lehrer
der Kasseler Kunsthochschule mit dieser Ausstellung.
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