MONITORING - Ausstellung für Medieninstallationen - beim 35. Kasseler Dokfest


Monitoring - Ausstellung für Medieninstallationen - beim 35. Kasseler Dokfest
Eröffnung am 14. November um 19:30 Uhr im Kasseler Kunstverein


ÖFFNUNGSZEITEN Mi 19:30 - 23:00, Do - Sa 15:00 - 22:00, So 15:00 - 20:00

Die Ausstellung Monitoring des 35. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofestes präsentiert 20 Medieninstallationen von internationalen Künstler/innen die aus über 300 Einreichungen ausgewählt wurden. Mit Monitoring erweitert sich der kinematografische Raum des Festivals um Arbeiten, die über die herkömmliche Präsentationsform der Kinoleinwand hinausgehen. Ausstellungsorte sind der Kasseler Kunstverein, der Südflügel, das Stellwerk und der Glaskasten neben dem Reisezentrum im KulturBahnhof Kassel.

Der Titel der diesjährigen Ausstellung YOU ARE BEING WATCHED spiegelt die Haltung des Kasseler Dokfestes wider, gesellschaftliche Themen aufzugreifen und unterschiedliche Aspekte sichtbar zu machen. So ist "Face Recognition" deutsch "Gesichtserkennung" ein computergestütztes Verfahren der Bildanalyse, basierend auf digitalen Datensätzen. Gesichtserkennungsalgorithmen werden durch das Prozessieren einer großen Anzahl digitaler Porträts geschult. Hierbei lernen die Algorithmen anhand ausgeprägter, wiederkehrender Gesichtsmerkmale, wie Nase, Mund oder die Symmetrie der Augen, den Aufbau eines Gesichts eigenständig wiederzuerkennen. Der US-amerikanische Künstler und Aktivist Adam Harvey arbeitet seit vielen Jahren zum Thema Counter-Surveillance und seine Serie "CV Dazzle" war schließlich die Inspiration für das Erscheinungsbild des aktuellen Kasseler Dokfestes, bei dem versucht wird diese Mustererkennung durch für die Analysesoftware möglichst verwirrende Linien zu unterlaufen. Weitere Arbeiten u.a. von Coralie Vogelaar, Agnes Meyer-Brandis und Aram Bartholl erweitern den thematischen Schwerpunkt der Ausstellung mit Arbeiten zu Facial Emotion Analytics, Big Data und "lebendigen" Überwachungskameras.

 

YOU ARE BEING WATCHED 
Die Installation MEGAPIXELS: FACES von Adam Harvey lädt im Kasseler Kunstverein dazu ein das eigene Gesicht zu scannen. Die Informationen werden mit Datensätzen der größten, öffentlich zugänglichen Gesichts-Datenbank namens MegaFace (V2) verglichen. Portraits, die den Gesichtsmerkmalen am ähnlichsten sind, können, mit Angabe der Prozentzahl der Übereinstimmung, ausgedruckt und mitgenommen werden. In PAN, TILT AND ZOOM liegen 3 kugelförmige Überwachungskameras auf dem Boden. Auf der Suche nach Gesichts-Rastern treibt der integrierte Algorithmus die Kameras rastlos über den Boden. Die Rolle der verlebendigten Kameras wandelt sich von der der passiven Beobachterin hin zu der der aktiven Täterin. Wie weit können Algorithmen bei der Decodierung unserer Physiognomie gehen? Wie tief können sie über die Oberflächentextur unseres Gesichtes in unser Seelenleben, in unsere Gefühle und Stimmungen blicken? Coralie Vogelaar setzt sich in dem Monitor-Diptychon INTERFACE mit "Facial Emotion Analytics" auseinander. Anhand der verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der 43 menschlichen Gesichtsmuskeln, die Emotionen zugeordnet wurden, sind Algorithmen in der Lage Gemütszustände auszulesen und zu benennen. Doch wie funktioniert ein solcher Algorithmus überhaupt? Die Installation SYMBOLIC GROUNDING baut ein Netzwerk von 100 analogen Neuronen nach und legt offen, was sonst verborgen bleibt. Neuronale Netze, Teil unseres Nervensystems, werden in der Informatik und Robotik künstlich nachgebildet. Ihre Eigenschaft komplexe Muster erlernen zu können, bildet die Basis für u.a. die Gesichtserkennung. In unserer digitalen Welt, die sich permanent selbst dokumentiert, werden nicht nur Menschen überwacht – auch Waldstriche werden zu Zwecken der Klimaforschung beobachtet. Die 2-Kanal-Projektion FOREST GREEN basiert auf Bildern finnischer Wälder. Mit einer speziell entwickelten Software verarbeitet Agnes Meyer-Brandis die Big Data auf poetische Weise und verknüpft Kunst und Wissenschaft kongenial. Dass der Aphorismus "YOU ARE BEING WATCHED" kein Phänomen des digitalen Zeitalters benennt, sondern die umfassenden Überwachungs-, Kontroll- und Zensurmechanismen auf eine lange Geschichte von Norm und Strafe zurückblicken, zeigt auf subtile Weise die Projektion INK IN MILK. Anhand von Zeichnungen, Fotoprints und Erzählungen gibt Gernot Wieland einen intimen Einblick in seine Kindheitserinnerungen. Er reflektiert die restriktive Machtstruktur des Österreichs der 70er Jahre anhand des Erlebens von Scham – einem Gefühl, das auftritt, wenn man sozialen Erwartungen und Normen nicht gerecht wird. Noch weiter zurück in die Geschichte von Unterwerfung und Inbesitznahme geht SONGS OF HAIN. Hier wird der Genozid an den Selk'nam zu Zeiten der Kolonialisierung adressiert, einer südamerikanischen Ethnie, die einst auf Feuerland lebte. Wie eine Art Scharnier verbindet die Videoinstallation REAL PERFORMANCE, mit ihrem Beitrag zu "Emotional Capital", den thematischen Schwerpunkt des Kasseler Kunstvereins (Überwachung und Kontrolle) mit dem des Südflügels: der (Selbst)-Optimierung und Kapitalisierung von Kreativität. Auf Yogamatten und Gymnastikbällen finden sich die Besucher/innen im Südflügel inmitten einer in HOSTEL aufgerufenen Szenerie wieder. Als Serie angelegt, berichten die Protagonist/innen der 3 Kanal-Installation über die prekären Lebensbedingungen einer "beschleunigte[n] kulturelle[n] Arbeitswelt." Um mithalten zu können, wird das unaufhaltsame Pushen, Motivieren und Optimieren des eigenen Selbst zur Überlebensstrategie. Ayn Rand (1905-1982) empfiehlt ähnliches, um im Turbokapitalismus nicht unterzugehen: Produktiver Selbsterhalt, durch rationalen Egoismus. Die Autorin wird in Bjørn Melhus' THE THEORY OF FREEDOM von "Randi" verkörpert. Weitere Figuren sind "Mister Freedom" und "Miss Independence" – allesamt gespielt von Melhus selbst. Lässt sich der kostenlose kreative Input von Menschen gewinnbringend kapitalisieren? Wie bindet man Konsument/innen am wirksamsten an ein Produkt? THE WORLD IS OURS fokussiert Hatsune Miku, die weltweit erfolgreichste virtuelle Pop-Ikone. Um ihren Software-Synthesizer Vocaloid2 auf den Markt zu bringen, rief das japanische Unternehmen "Crypton Future Media" die Manga Figur 2007 ins Leben. Seit dem existiert die ewig 16-Jährige, einzig durch die Massen an User-Generated-Content ihrer Fans. Miku gibt auch immer wieder Livekonzerte, bei denen sie als Hologramm erscheint. Möchten Sie selbst ein Liveact in der erweiterten Realität erleben? Setzen Sie sich am Eingang des Südflügels doch eine der bereitgestellten HoloLenses auf. Hier performen heute Avatare für Sie.

Text: Judith Waldmann

 

// MONITORING auf einen Blick //

14. - 18. November 2018
Eröffnung am 14. November um 19:30 Uhr im Kasseler Kunstverein

ÖFFNUNGSZEITEN Mi 19:30 - 23:00, Do - Sa 15:00 - 22:00, So 15:00 - 20:00

KASSELER KUNSTVEREIN

Aram Bartholl PAN, TILT AND ZOOM, Berlin (Deutschland) 2018
Catherina Cramer SANE & SANITIZED, Düsseldorf (Deutschland) 2018
Christian Faubel, Wolfgang Spahn SYMBOLIC GROUNDING, Schöppingen (Deutschland) 2018
Adam Harvey MEGAPIXELS: FACES, Berlin (Deutschland), London (Vereinigtes Königreich) 2017
Agnes Meyer-Brandis FOREST GREEN (Sleeping & Awakening), Hyytiälä (Finnland), Berlin (Deutschland) 2018
Grace Philips, Laurie Robins REAL PERFORMANCE, New York (USA) 2018
Federico Vladimir Strate Pezdirc, Pablo Esbert Lilienfeld SONGS OF HAIN, A Coruña (Spanien) 2017
Coralie Vogelaar INTERFACE, A RESEARCH ON EMOTIONS BY PATTERN RECOGNITION, Amsterdam (Niederlande) 2018
Gernot Wieland INK IN MILK, Berlin (Deutschland) 2018

KULTURBAHNHOF KASSEL|Glaskasten neben dem Reisezentrum
Wermke/Leinkauf 4. HALBZEIT, Berlin (Deutschland) 2017

KULTURBAHNHOF KASSEL|Stellwerk
Vika Kirchenbauer THE ISLAND OF PERPETUAL TICKLING, Berlin (Deutschland) 2018

KULTURBAHNHOF KASSEL|Südflügel

Rebecca Adam, Arhun Aksakal, Johannes Apelt, Josefin Arnell, Pauline Curnier Jardin, Sebastian Ebbing, Darius Grimm, Alice Hagenbruch, Hase & Zinser, Chris Lachmund, Marlon Middeke, Kerstin Rupprecht, Julia Stolba LEARNING FROM TROPICAL ISLANDS – FLAMINGO IN ASPIK, Krausnick, Kassel (Deutschland) 2018
Nicola Gördes, Stella Rossié 2017 – THE CHICKS WOULD DIG IT AND WE'D GET LAID A LOT, Dortmund, Lennestadt (Deutschland) 2018
BBB_ FULLY ACCESSIBLE BODY, Frankfurt am Main (Deutschland) 2018
Miriam J. Carranza COSMIC DISSOCIATIONS (EXPRESS), Kassel (Deutschland) 2018
Bjørn Melhus THE THEORY OF FREEDOM, Berlin (Deutschland) 2015
Ann Oren THE WORLD IS OURS, Tokyo (Japan), Berlin (Deutschland), Tel Aviv (Israel) 2017
Stefan Panhans HOSTEL, Hamburg, Berlin (Deutschland) 2018
Julia Weißenberg HALLSTATT ERLEBEN [HALLSTATT EXPERIENCE], Köln (Deutschland), Hallstatt (Österreich), Hallstatt (China) 2018


Am Freitag, den 16.11. um 18:00 (Südflügel) und am Samstag, den 17.11. um 18:00 (Kasseler Kunstverein) bietet Judith Waldmann öffentliche Rundgänge zu ausgewählten Arbeiten an. Eine Voranmeldung ist nicht notwendig. Der Eintritt zu den Ausstellungsorten sowie die Teilnahme am Vermittlungsprogramm sind kostenlos.

 

KOOPERATION FILMPROGRAMM

Der Kasseler Kunstverein ist neben der Ausstellung „Monitorin“ Kooperationspartner folgender Filmbeiträge des 35. Kasseler Dokfestes, die wir Ihnen sehr ans Herz legen möchten:

Aftermath
Filmladen Kassel | Do. 15.11. | 23:30

Vierteilige, experimentelle Filmbiografie, die Momente aus dem Leben von Fats Waller, Jackson Pollock, Janieta Eyre und Frida Kahlo zu einer äußerst kreativen, audiovisuellen Filmsymphonie vereint. Die Faszination am Grenzgang zwischen Leben und Tod, der diesen Künstler/innen schicksalhaft auferlegt ist, führt die Zuschauer/innen durch Melancholie und vitale Selbstbehauptung in eigene philosophische Betrachtungen über die Kunst, das Menschsein, die Endlichkeit oder Unendlichkeit des Lebens und die Beziehung zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Kanada 2018
75:00 Min.
Englisch
Regie: Mike Hoolboom
Deutschlandpremiere
Filmladen / Goethestr. 31 / Tel.: 0561 707 64 22
Eintrittspreise: regulär 7€ / ermäßigt 6,50€ / Gruppen ab 10 Personen 5€ pro Person

Meteorlar
Filmladen Kassel | Sa. 17.11. | 21:45

2015 gibt es einen tagelang anhaltenden Militärschlag im Südosten der Türkei, um die kurdische PKK zu bekämpfen. Es dringt kaum etwas an die Medien; die einzigen Bilder sind die der Einheimischen. Regisseur Gürcan Keltek verdichtet dieses Archivmaterial in einer poetisch-düsteren Erzählung über den Krieg und die Natur – und ihr Wechselspiel. Das in schwarz-weiß gedrehte Doku-Essay gibt nicht nur philosophischen Reflexionen Raum, sondern auch der Fantasie.

Türkei, Niederlande 2017
81:00 Min.
kurdisch, türkisch / englische UT
Regie: Gürcan Keltek
Filmladen / Goethestr. 31 / Tel.: 0561 707 64 22
Eintrittspreise: regulär 7€ / ermäßigt 6,50€ / Gruppen ab 10 Personen 5€ pro Person

Jaar, el lamento de las imágenes
Filmladen Kassel | So. 18.11. | 12:30

In diesem intimen Portrait begleiten wir den documenta-Künstler Alfredo Jaar in der Entwicklung seiner künstlerischen Sprache und der sozialkritischen Perspektive seiner auf Fotografie basierten Arbeiten. Aufnahmen aus seiner Vergangenheit und der Beobachtung seines kreativen Prozesses werden in Beziehung zu seinen Werken gesetzt, die in der Verbindung von Architektur, Fotografie und Performance die Abstumpfung gegen die alltägliche Bilderflut von sozialer und politischer Gewalt in den Medien thematisieren. Der Film lässt uns an Fragen und Motivation hinter dem Werk des Künstlers teilhaben.

Chile 2017
78:21 Min.
englisch, spanisch / englische UT
Regie: Paula Rodríguez Sickert
Filmladen / Goethestr. 31 / Tel.: 0561 707 64 22
Eintrittspreise: regulär 7€ / ermäßigt 6,50€ / Gruppen ab 10 Personen 5€ pro Person
 

Einbruch der Dunkelheit
BALi Kinos , 17.11 / 00:00 /

Camp
Eine kleine Gruppe von Kindern hat sich an einem Ort ein temporäres Lager errichtet. Sie liegen in ihren Schlafsäcken. Nach und nach stehen sie auf, wissend und unerschrocken. Sie kennen ihr Ritual. Eine mysteriöse Choreografie aus Flüstern, Summen und Murmeln, Berührungen und Bewegungsmustern entfaltet sich, eine undurchschaubare Szenerie eigenartiger Aktionen zwischen Besessenheit, Kinderspiel, Hypnose und Anbetung. Deutschland 2017 / 10:06 Min. / keine Dialoge / Regie: Julia Charlotte Richter

Screen
„Während er über die Auswirkungen des fließenden Sandes nachgrübelte, verfiel er von Zeit zu Zeit der Illusion, dass er selber in dieses Fließen einbezogen sei.“ (Kōbō Abe) Instabile Zonen. Schwebende Partikel. Feuer, Wasser, Erde, Luft. Stimmen fiktionaler Filmfiguren, mal suggestiv, mal autoritär, führen die Betrachtenden aus dem Hier und Jetzt. Wer spricht? Im Verhältnis der Hypnotisierten zum Hypnotiseur spiegeln sich die Beziehung der Kinozuschauer/innen zur Leinwand. Deutschland 2018 / 17:30 Min. / deutsch, englisch, französisch / englische UT / Regie: Christoph Girardet, Matthias Müller

Pfauenloch
Eine dunkle, feuchte Grotte, eine Unterwelt abgründiger Künstlichkeit. Steinerne und wässrige Flächen, in präzise arrangiertes Kunstlicht getaucht, untermalen mit dem Sound des Horrors. Zwischen Schwarzblenden erscheinen Zombies, versehrte, fragmentierte, modifizierte Körper, starre Blicke. Kunstvoll isolierte Fragmente von Grusel und Spannung. Österreich 2018 / 9:00 Min. / keine Dialoge / Regie: Katrina Daschner

Tourneur
NOMINIERUNG: Goldener Schlüssel
Zwischen Massen von wabernden Schaumwolken schleichen sich angespannte Körper durch das Bild. Jugendliche, deren Blicke und Gesten zwischen Angriffslust und Angst, Provokation und Rückzug changieren, richten sich auf ihre Gegner/innen aus – den Stier, die überlegene Naturerscheinung, die es gilt, in die Enge zu treiben. Die adrenalingeladene Atmosphäre eines südfranzösischen Stierkampfspektakels wird in TOURNEUR zu einer Gratwanderung zwischen dokumentarischer Beobachtung, kunstvoller Stilisierung und subtilem Kommentar. Deutschland 2018 / 14:23 Min. / keine Dialoge / Regie: Yalda Afsah

Shouting at the Ground
NOMINIERUNG: Goldener Schlüssel
SHOUTING AT THE GROUND ist eine rätselhafte Kriminalgeschichte, die mit landwirtschaftlichen und archäologischen Themen verknüpft ist, mit den Motiven der Beerdigung und der Ausgrabung und die in Bild und Ton zwischen brutaler Verkörperung und dem tiefschwarzem Nichts wechselt. In einem Torfmoor im Nordwesten Englands wurde eine spanische Frau ermordet. Ihre vergrabene Leiche wurde in die dichte Masse des Moorbodens eingeschlossen. Torfboden, der über Jahrhunderte hinweg als Brennstoff abgebaut wurde und der bei seiner Verbrennung vor Urzeiten eingelagerten Kohlenstoff in das belastete Ökosystem entlässt. Als die Leiche, die eine unbestimmte Zeit in dieser Bodenmasse gelegen hatte, wieder auftauchte, hatte sich ihre Identität verschoben, war verschwommen mit der Geschichte des Materials. Großbritannien 2017 / 17:28 Min. / englisch / Regie: Graeme Arnfield