UNLUST PRINZIP


UNLUST PRINZIP

Felix Kultau
Laura Schawelka
Malte Zenses

15. April - 2. Juni 2018
Künstlergespräch mit Dr. York Kautt: 3. Mai 2018, 19 Uhr
geöffnet: Mittwoch bis Sonntag von 11-18 Uhr

 

Der Kasseler Kunstverein zeigt drei künstlerische Positionen, die sich auf verschiedenen Ebenen mit den Dynamiken einer digitalisierten und globalisierten Konsumgesellschaft auseinandersetzen. In diesem Kontext fragt die Ausstellung UNLUST PRINZIP nach einer Haltung, die sich aktiv sowohl den Verführungsstrategien des Massenkonsums, der Sublimierung von materiellen Dingen als auch den technisierten individuellen und kollektiven Upgrades stellt.

 

Felix Kultau bedient sich in seinen Arbeiten ästhetischer und materieller Elemente unserer Pop-, Sub- und Konsumkultur. Seine Objekte und Installationen bestehen überwiegend aus ästhetisch-kühlen Materialitäten und Einzelteilen der rationalisierten, industrialisierten Gegenwartsgesellschaft. Glas, Stahl, Metall, Holz, Aluminium, MDF sowie Glasvitrinen, Überseecontainertüren, Energy-Getränkedosen, Behälter von Proteinpulvern werden re- und neukombiniert und durch weitere Eingriffe des Künstlers ihrer ursprünglichen Funktion und Zuordnung entzogen. Die symbolischen Referenzen des Produktes bleiben jedoch weiterhin bestehen. So verweisen z.B. arrangierte Türen eines Überseecontainers auf Produktionswege des Massenkonsums und darin versteckte Botschaften globaler Ausbeutungsverhältnisse. Die menschliche Signatur, die Handschrift des Künstlers, greift protestierend in die kühle Ästhetik der maschinell gefertigten Produkte ein. Durch die Zerstörung glatter Oberflächen legt Kultau Spuren des Verfalls an. Er befreit auf diese Weise seine Objekte von der ursprünglichen industriellen Ästhetik und eingeschriebenen Fetischisierung und schafft dadurch zugleich Neues in einer Formensprache, die ein anderes, weniger illusorisches Begehren und Sehnen in uns auslöst. Eine Sehnsucht, die aus einer Zukunft auf das Jetzt blickt, in dem die sehnsuchtsstiftenden Objekte, von Vergänglichkeit und Vergessen aufgelöst, zu bloßen Relikten, Artefakten, Erinnerungen unserer Kultur verkommen sind. In dieser Zukunft beherrschen mächtige Firmen und Konzerne unseren Lebensalltag und unsere Lebensform; demokratische Staaten sind eine nostalgische Erinnerung und die sich immer schneller und weiter entwickelnde Technisierung überholt den Menschen. Kultau spielt bewusst mit Referenzen eines dystopischen / utopischen Szenarios, das man in Büchern und Filmen der Cyberpunk Bewegung findet. Newromancer und Blade Runner erzählten von Dystopien / Utopien, die sich zwischen Fantasie und Realität bewegen. Sie sind auf sicheren Abstand, weit in der Zukunft platzierte Visionen, die sich aus dem Jetzt generieren. Kultau formuliert durch seine Objekte und Installationen seine Zukunftsvision der Dinge im Jetzt und bringt sie uns ganz  nah.

 

Laura Schawelka nutzt in ihren Installationen, Foto- und Videoarbeiten die Paradoxie von Bildern, die sich zwischen Illusion und Realität bewegen. Sie gebraucht Bilder von Objekten, die uns durch bestimmte Repräsentations- und Darstellungsmodi im konsumorientierten Alltag verführen. Schawelka hinterfragt und dekonstruiert in diesem Kontext den Einsatz von Fotografie, die als ein Instrument zur Verführung dient und Begehren auslöst. Die Simulation der Anwesenheit von Dingen durch Bilder verlängert sowohl das Moment der Lust, als auch des Wunsches nach Lustbefriedigung durch deren materielle Abwesenheit. In ihrer jüngsten Arbeit untersucht die Künstlerin unter diesem Aspekt die Funktionen und Systeme der Warenpräsentation durch Displays in Warenhäusern. Wie wirkt sich der konsumorientierte, digitale Lebensstil auf diese aus? Warenhäuser und Ladenpassagen, wie Walter Benjamin sie in seinem Passagenwerk beschreibt, galten in ihren Ursprüngen im 19. Jahrhundert als Symptome und Symbole des aufstrebenden organisierten Kapitalismus, als Kathedralen des Massenkonsums. Welche Bedeutung haben sie jedoch in einer Welt des 21. Jahrhunderts, in dem Konsumverhalten hauptsächlich online, in Abwesenheit konkreter, materieller Dinge passiert? Wird unser Begehren hauptsächlich von entmaterialisierten, synthetischen Bildern evoziert und dadurch noch weniger greifbar?

 

Malte Zenses bezieht seine raumbezogenen Installationen, bestehend aus Malerei, Skulptur und Sound, aus einem Repertoire subjektiven Erlebens, woraus er auf die Welt referiert. Erfahrung, Erlebnis und Erinnerung übersetzt er fragmentarisch in ein eigenes Zeichensystem, das sich in seinen Arbeiten wiederspiegelt. Dabei dient ihm insbesondere die Leinwand als Medium dieser Auseinandersetzung mit Wort, Grafik, Farbe, Fläche und Zeichen im Bild. Die auf der Leinwand eingesetzten Leerstellen schaffen für die Betrachtenden Raum für Projektionen, Assoziationen, Erinnerungen, Emotionen, Sehnsucht und Begehren. Besonders das Begehren der Betrachtenden wird im ausstellenden Kontext angesprochen als Thema, das sich auf die ausgestellte Arbeit und den Künstler als Produzent gleichermaßen bezieht. Dabei möchten sich Zenses Bilder einer Lesbarkeit entziehen, diese verweigern und die Betrachtenden wieder auf sich zurückwerfen. As though it were gut. Fünf Wörter aus Messing in einer Kombination zwischen englischer und deutscher Sprache behaupten einen Zustand voller Misstrauen und Resignation. Wird hier ein Gedanke der Enttäuschung der Betrachtenden entlarvt und ihnen trotzig vor die Nase gesetzt? Oder sind es selbstkritische Gedanken des Autors zu sich selbst und der Welt heute? ‚Malte mach!‘ weckt eine Stimme uns aus unseren Gedanken auf. Aus einer anderen Ecke der Ausstellung ertönt eine Sound-Arbeit im Loop. Beständig und monoton wirkt die Stimme auf das Ich und die davor liegende Installation ein. Zwei Holz-Speere, die starr und widerspenstig auf einer zusammengefalteten Massagematte liegen. Trotz ihres scheinbaren Widerstandes, durch ihr Material, ihre Form und Position, werden sie von außen durch die mechanisch-massierenden Rotationen der Matte, bewegt. ‚Malte mach!‘ – ein Druck von außen entsteht. ‚Malte mach!“ – ein Druck der von außen nach innen dringt und sich dort verfestigt. Zenses Arbeiten referieren poetisch und sensibel auf ein Selbst, das sich in einer Spirale des Upgrade-Hypes einer leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft bewegt. Im gleichen Zuge beziehen sie sich jedoch auch auf ein Selbst, als Künstler, der seine Haltung zu einer Kunstwelt – mit gleichen, oder zumindest sehr ähnlichen konsum- und leistungsorientierten Strukturen – in Frage stellt.

Olga Holzschuh

 

Felix Kultau (*1984), lebt und arbeitet in Berlin
Laura Schawelka (*1988), lebt und arbeitet in Paris, Los Angeles und Berlin
Malte Zenses (*1987), lebt und arbeitet in Berlin

 

Die Ausstellung wird gefördert vom Kulturamt der Stadt Kassel und wird unterstützt durch die Volksbank Kassel Göttingen.

Die Arbeiten Untitled (Folds), Untitled (Persimmon) und Untitled (Folds, grenn) von Laura Schawelka wurden unterstützt durch die Marburger Tapetenfabrik.